Ein Nachruf auf die Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist tot, lang lebe die Nachhaltigkeit

Das Umfeld der Nachhaltigkeitsmanagerinnen und -manager wurde Anfang 2025 erschüttert, als die EU-Kommission ihre Pläne vorstellte, Regeln zu unternehmerischen Berichts- und Sorgfaltspflichten abzubauen[1]. Als sich daraus im Verlauf der nächsten Monate eine wahre Welle der Deregulierung anbahnte, wurde die Verunsicherung größer. Die gefühlten Sargnägel wurden schlussendlich ohne Gnade in die gemeinwohlorientierte Transformationsideen gehämmert, als Schritt für Schritt die Gesetzesänderungen in Kraft traten.

🔨 14. April 2025[2]: Durch „Stop the Clock“ wurde der Zeitpunkt der CSRD-Berichtspflicht für die meisten Unternehmen um 2 Jahre auf 2027 verschoben.

🔨 3. Dezember 2025[3]: Erste Entwürfe für die drastische Vereinfachung der europäischen Berichtstandards ESRS.

🔨 24. Februar 2026[4]: Anhebung der Schwellenwerte für große Unternehmen. Nur noch Unternehmen ab 1000 Mitarbeitenden müssen Nachhaltigkeitsberichte vorlegen.

⚰️ Nur noch Unternehmen ab 5000 Mitarbeitenden und 1500 Mio.€ Umsatz müssen menschenrechtliche Sorgfaltspflichten aus der CSDDD einhalten.

Doch während wir nun schwarz gekleidet vor den Trauerkränzen und eingerahmten Nachhaltigkeitsberichten sitzen, erleben wir wieder mal eins der heißesten Jahre seit Wetteraufzeichnung. Die Lebenserhaltungskosten schießen wegen unserer fossilen Sucht in die Höhe. Unseren 2015 selbst auferlegten Zielen einer nachhaltigen Entwicklung sind wir auch kaum nähergekommen [5].

Und die Rahmenbedingungen bleiben ja nach wie vor bestehen. Fast alle Staaten haben sich zu einer Begrenzung des Klimawandels deutlich unter 2°C verpflichtet. Die EU hat dies mit einem Emissionsminderungsziel bis 2040 um 90% erst kürzlich untermauert[6]. Eine intakte Natur ist unsere Lebensgrundlage und auch hier gibt es internationale Vorgaben zum Schutz von mindestens 20% der Landes- und 20% der Meeresflächen[7]. In Deutschland zeigt die neueste Weiterentwicklung des „Aktionsprogramm natürlicher Klimaschutz“, dass unsere Bundesregierung hier nicht ganz untätig ist[8]. Auch unsere nationale Einhaltung des Klimaschutzgesetzes mit Klimaneutralität bis 2045 ist weiterhin unstrittig.

Darüber hinaus spüren wir schon heute die Probleme des deutschen Zögerns zur nachhaltigen Transformation. Unsere Öl- und Gaspreise sprangen wegen der Hormus-Blockade in die Höhe. Länder, die ihre Energieversorgung schneller umstellen konnten, hatten deutlich weniger Kosten. In Großbritannien zum Beispiel konnten im März 2026 eine Milliarde Pfund durch vermiedene Gasimporte eingespart werden – aufgrund der massiven Zuwachse an erneuerbaren Energien[9]. Und es lässt sich dagegen ansteuern: Tchibo erkannte Lieferkettenrisiken aufgrund des Klimawandels und investiert seit Jahren in faire Lieferketten für die Beschaffung von Kaffee und Kakao[10].

Die Ideen hinter CSRD, LkSG und CSDDD bleiben also nach wie vor relevant. Diese Gesetze basieren auf internationalen Rahmenwerken wie das Pariser Abkommen und den Sustainable Development Goals (SDGs). Sie sind gestützt durch die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen. Zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen die Wirksamkeit und Notwendigkeit einer sozial verantwortungsbewussten Wirtschaftsweise[11]. Und wir haben viel gelernt durch diese Regulierungen. Die Umsetzung der Berichtsstandards war zu aufwendig für viele kleinere Unternehmen, sodass mit Freiwilligen Standards hier ein pragmatisches Regelwerk geschaffen wurde[12].

Wir sehen, wie die bedeutsamsten Punkte von vielen Unternehmen weiterhin bedient werden: Es werden Informationen zu Treibhausgasemissionen gesammelt und langfristige Transformationspläne festgelegt, die in eine nachhaltige Wirtschaftsweise führen sollen – z.T. sogar finanziell durch die Bundesregierung gefördert[13]. Eine neue ISO-Norm zur Etablierung eines Managementsystems zur Förderung der SDG legt international freiwillige Anforderungen für gutes unternehmerisches Handeln dar – die ISO 53001[14]. Und in vielen Unternehmen sitzen motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Projekte ausarbeiten, mit denen wir uns Stück für Stück in eine nachhaltige Entwicklung fortbewegen.

So ist die erste Euphorie zum verantwortungsbewussten unternehmerischen Handeln zwar zu früh gestorben, wir haben getrauert, uns gegenseitig getröstet und die Zeit genommen, die wir brauchten. Doch was vergangen ist, ist nicht vergessen. Mut und Tatendrang leben langsam wieder auf. Nun geht es darum, langfristige Strategien im Unternehmen zu etablieren, die ambitioniert, aber realisierbar sind. Treibhausemissionen werden ermittelt und ein Plan zur Dekarbonisierung erstellt. Mögliche Menschenrechtsverstöße werden präventiv in der Lieferkette analysiert und in einem Lieferkettenmanagement angegangen. Wird heute schon mit der Einbindung von Nachhaltigkeitsaspekten in das bestehende Management begonnen, ist die Transformation morgen schon halb gelungen. Wir schützen uns vor zukünftigen Verschärfungen der Regulatorik und sichern so nachhaltig unsere Zukunft.

Die uniconsult GmbH unterstützt Dich gemeinsam mit der TÜV Nord Akademie bei der Weiterbildung zu unternehmerischer Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Besucht doch unsere Seminare Nachhaltigkeitsmanager[15], Klimaschutzmanager[16] oder fragt an, wie wir in eurem Unternehmen eine nachhaltige Transformation unterstützen können[17].

Luke Schneider, uniconsult GmbH

[1] https://germany.representation.ec.europa.eu/news/weniger-verwaltungsaufwand-kommission-will-regeln-fur-nachhaltigkeit-und-eu-investitionen-2025-02-26_de

[2] https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2025/794/oj

[3] https://www.efrag.org/en/draft-simplified-esrs

[4] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A32026L0470

[5] https://www.un.org/german/sites/default/files/2025-12/SDG-Bericht-2025.pdf

[6] https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20260205IPR33620/eu-klimagesetz-emissionsminderung-von-90-bis-2040

[7] https://environment.ec.europa.eu/topics/nature-and-biodiversity/nature-restoration-regulation_en?prefLang=de

[8] https://www.bundesumweltministerium.de/download/bmukn-vorschlag-zur-weiterentwicklung-des-aktionsprogramms-natuerlicher-klimaschutz

[9] https://www.carbonbrief.org/analysis-record-wind-and-solar-saved-uk-from-gas-imports-worth-1bn-in-march-2026/

[10] https://www.tchibo.com/de/de/sustainability/coffee/spotlight

[11] z.B. https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/

[12] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX:32025H1710

[13] https://www.wettbewerb-energieeffizienz.de/WENEFF/Navigation/DE/Transformationsplan/Foerderrrahmen/foerderrahmen.html

[14] https://www.iso.org/standard/53001

[15] https://www.tuev-nord.de/de/dienstleistungen/auditierung-und-zertifizierung/personenzertifizierung/nachhaltigkeitsmanager-tuev/

[16] https://www.tuev-nord.de/de/dienstleistungen/auditierung-und-zertifizierung/personenzertifizierung/klimaschutzmanager-fuer-unternehmen-tuev/

[17] https://www.unico.de/kontakt/hannover